Verständliche Prävention
- die Pressearbeit (Pressemitteilungen, Themenbeiträge, Beantworten von Presseanfragen, Interviews, Bereitstellen von Fotomaterial ...)
- die Medienbeobachtung (Auswertung und z.T. Analyse der Berichterstattung[1], z.T. Pressespiegel[2])
- eigenen Publikationen für die Fachöffentlichkeit und die breite Öffentlichkeit
- Internetangeboten
- Veranstaltungsorganisation (Programmveranstaltungen, Fachtage, Infostände, Aktionen ...)
- interne Kommunikation (Zielgruppen sind Mitarbeiterinnen bzw. Verein, Themen Corporate Design, Leitbild, Weitergabe von Information über Newsletter, Jahresversammlung ...)
Hauptsache erwachsen
Zielgruppe unserer Öffentlichkeitsarbeit sind nahezu ausschließlich erwachsene Menschen und nicht Kinder.
Ausgehend von unseren Leitsätzen und der Haltung, dass gute Prävention Erwachsene gezielt befähigt, Mädchen und Jungen vor sexueller Gewalt nachhaltig und wirksam zu schützen, aber auch unserem Arbeitsauftrag „Erwachsenenbildung" wenden wir uns in allen o.g. Bereichen (von wenigen Fällen abgesehen[3]) ausnahmslos an die Erwachsenen.
Prävention vor sexueller Gewalt fachlich gezielt und effizient weiterzuentwickeln, kann nur dann glücken, wenn sich Forschende, aber auch Fachkräfte aus der Praxis dem (fachlichen) Dialog und der (fachlichen) Kritik stellen. Dafür ist die Publikation im Rahmen der Fachöffentlichkeit das geeignete Mittel. Öffentlichkeitsarbeit in dieser Form stellt also Weiterentwicklung und Qualifikation im Bereich der Prävention von sexueller Gewalt sicher.
Balancekunststück Öffentlichkeitsarbeit
Wirklich geglückte Öffentlichkeitsarbeit in unserem Arbeitsfeld lebt von der Balance zwischen vorhandenem komplexem und differenziertem Wissen zur Prävention von sexueller Gewalt einerseits und pointiertem, zielgruppengerechtem Output andererseits.
Dabei besteht der Anspruch, dass - trotz der z.T. bestehenden Notwendigkeit komplexe Informationen zu vereinfachen und stark zu verkürzen, die Informationen, die die jeweilige Zielgruppe erreichen, jeder fachlichen Kritik standhalten können und nicht verfälscht wurden.
Obwohl Informationen zielgruppenspezifisch zu entwickeln und zu transportieren sind, ist eine weitere Anforderung an die Prävention in der Öffentlichkeitsarbeit, dass sie „gute" Prävention als Marke über alle Zielgruppen hinweg erkennbar macht und klare Botschaften vermittelt. Unsere Zielgruppen müssen erkennen können, wofür wir stehen, auch wenn wir uns dafür manches Mal von anderen erkennbar abgrenzen müssen und dadurch Konfliktstoff entsteht. Prävention im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit muss daher auch heute noch konfliktfähig sein und parteilich auf Seiten Betroffener arbeiten.
In allen Bereichen der Öffentlichkeitsarbeit ist es von zentraler Bedeutung das Thema über die „graue Theorie" hinaus zu illustrieren. Beispiele, die das Problem konkreter erläutern, Beispiele, die emotional betroffen machen, Beispiele, die Handlungsansätze zeigen, die Mut machen und trotz alledem nicht verfälschen (s.o.) und den nötigen Respekt vor dem Thema und davon betroffenen Mädchen und Jungen behalten.
Aktionen und Kampagnen
Aktionen und Kampagnen können, geschickt geplant und mit langem Atem durchgeführt, effektive Instrumente zur Sensibilisierung der allgemeinen Öffentlichkeit sein und u.U. sogar nachhaltig Strukturen verändern helfen. Ein evaluiertes Beispiel ist die Kampagne „Stopp it now!", die im amerikanischen Bundesstaat Vermont darauf abzielte, Erwachsene besser über sexuellen Missbrauch zu informieren und sie damit handlungsfähiger zu machen. In der Auswertung ergab sich eine allmähliche Zunahme des Informationsstandes, aber eine anhaltende Unsicherheit über Handlungsweisen bei einem bestehenden Verdacht[5].
Voraussetzung dafür, dass Kampagnen und Aktionen erfolgreich sein können, ist unseres Dafürhaltens die dringende Notwendigkeit der Themenbehandlung im Bewusstsein der Bevölkerung, also ein gewisser „Leidensdruck" im allgemeinen Bewusstsein sowie die Fähigkeit der OrganisatorInnen das Thema „auf den Punkt" zu bringen und dies mit einem gewissen Maß an Langatmigkeit, vor allem aber mit Kreativität und wenn möglich sogar Spaß zu verbinden.
Kreativität und die Fähigkeit, Prävention als kraftspendend und energievoll darzustellen und die Freude und den Spaß an der Präventionsarbeit herauszuarbeiten, sind unverzichtbare Elemente von gelungener Prävention im Arbeitsfeld „Öffentlichkeitsarbeit".
Öffentlichkeitsarbeit ohne O-Ton
Sehr bekannt ist unter sozialen Einrichtungen vermutlich die allbekannte Anfrage verschiedener Presseorgane nach einem O-Ton Betroffener und der Umgang mit derselben.
So verständlich das Interesse der Medien ist, anhand von Beispielen (am besten eben mit Orginalzitaten betroffener Personen illustriert) ein Thema anschaulich und für LeserInnen, ZuhörerInnen und ZuschauerInnen plastisch erfahrbar darzustellen: in unserem Themenbereich, der Prävention von sexuellem Missbrauch, verbietet es sich selbstredend, Mädchen und Jungen, die sexuelle Gewalt erleben mussten, dann auch noch als „Betroffene" in den Mittelpunkt der Medienberichterstattung zu stellen.
Diese Grenze ist von der jeweiligen Mitarbeiterin, die mit der Öffentlichkeitsarbeit betraut ist, immer wieder und deutlich zu ziehen. Schade, wenn eine Gelegenheit dadurch nicht genutzt werden kann, das Thema zu transportieren. Meist jedoch kommt es entscheidend darauf an, was den MedienvertreterInnen an alternativen „Bildern" angeboten bzw. vorgeschlagen wird.
Ein Beitrag zum Thema „sexuelle Übergriffe auf dem Oktoberfest" kommt durchaus ohne O-Ton eines belästigten Mädchens aus; ein Interview im Security Point[6] (außerhalb der Öffnungszeiten) oder ein gemeinsamer Gang über das (gut besuchte) Oktoberfest und Gespräche mit Schaustellern und Marktkaufleuten über das Thema transportieren die Informationen mindestens ebenso gut, jedoch deutlich respektvoller.
Eine Reportage zum Thema „sexuelle Gewalt gegenüber Mädchen und Jungen mit Behinderung" muss kein behindertes Kind vor der Kamera zeigen um glaubwürdig das Problem darstellen zu können. Eine Psychologin in einer Einrichtung, die authentisch über einen anonymisierten Fall berichtet und Bilder und Interviews bei einem Präventionsprojekt, das für diese Zielgruppe konzipiert wurde, dienen besser als Transportmittel für die geplante Botschaft.
Neben fundiertem Wissen auch eine Haltung zu vermitteln ist Aufgabe von Öffentlichkeitsarbeit zur Prävention. Respekt vor jedem Menschen ist dabei oberste Handlungsmaxime. Ergänzend dazu kann, gerade in Bezug auf die Medien, auf die Selbstverpflichtung der Medien im Umgang mit der Berichterstattung zu Gewalttaten verwiesen werden.
Wegducken gilt nicht!
Diese Anforderung an Prävention im Bereich Öffentlichkeitsarbeit gilt gerade in Bezug auf die Medien, aber auch bei der Planung von Veranstaltungen und sogar der internen Kommunikation. Die Angst Fehler zu machen, nicht immer gut da zu stehen, falsch zitiert zu werden ist sicherlich handlungsleitend für manche Einrichtung im Umgang mit den Medien oder bei der Planung von Aktionen und Kampagnen. Dabei ist nichts älter als die Schlagzeile von gestern und Öffentlichkeitsarbeit muss Fehler machen dürfen. Aber sie muss diese Fehler auch kritisch reflektieren und zukünftig dann vermeiden. Nicht alles lässt sich am grünen Tisch bzw. aus Büchern lernen. Öffentlichkeitsarbeit lebt auch vom Ausprobieren und mutig sein. Mut dazu, ein Thema auf eine Zielgruppe hin zuzuschneiden um dann festzustellen, dass sie sich falsch verstanden fühlt. Mut dazu, sich dies auch als eigenen Fehler einzugestehen. Mut dazu, mit dieser Zielgruppe in einen Dialog zu treten und mehr über sie zu erfahren. Und Mut dazu, den eigenen Kurs dann dementsprechend zu korrigieren.
AMYNA muss und musste – wie viele andere Einrichtungen auch – die Erfahrung machen, dass Berichte in den Medien die Prävention von sexuellem Missbrauch auch mal falsch oder stark verkürzt darstellen. Ein guter Ausweg aus dieser sicherlich unbefriedigenden Situation ist es jedoch nicht, die Zusammenarbeit mit den Medien zu vermeiden, sondern sie im Gegenzug zu intensivieren und gezielter Fehlerquellen in der Kommunikation zu identifizieren um sie zukünftig vermeiden zu können. Die Presse braucht klare und verständlich formulierte Informationen. Job der Öffentlichkeitsarbeit in der Prävention von sexuellem Missbrauch ist es, Missverständliches deutlicher zu formulieren und aus Missverständnissen zu lernen.
Meinungsmache in Kooperation
Eine Einrichtung macht noch keine Meinung, verändert noch nicht die Gesellschaft. In Kooperation mit anderen Fachstellen zur Prävention und Intervention von sexueller Gewalt ist „Meinungsmache" jedoch leichter und erhält in der Öffentlichkeit mehr Gewicht.
Vernetzung und Kooperation mit anderen Einrichtungen gerade auch im Rahmen von Öffentlichkeitsarbeit ist daher ein zentrales Instrument „mächtiger" Öffentlichkeitsarbeit. Das eigene Profil nach außen zu verlieren ist häufig die Sorge, die viele an konzertierten Aktionen hindert. Dabei erfordern gerade diese Zusammenarbeit und der Dialog mit „den anderen" im Rahmen dieser Kooperation die Schärfung des eigenen Profils und der eigenen Haltung.
Da Prävention im Bereich Öffentlichkeitsarbeit in der Regel nur über begrenzte zeitliche und personelle Ressourcen verfügt, ist es nicht nur ein Gebot von Effizienz und Synergieeffekten eventuelle Animositäten zwischen Einrichtungen hintan zu stellen, es erleichtert die Umsetzung eigener Ziele ungemein, wenn mehrere Einrichtungen das gleiche Themenfeld „beackern".
Neue Medien – neue Wege
Trotz o.g. Synergieeffekte durch Kooperationen lässt sich Prävention im Rahmen von Öffentlichkeitsarbeit nur dann sinnvoll planen, umsetzen und auswerten, wenn ein Mindestmaß an personellen und finanziellen Ressourcen vorhanden sind. So charmant handgemalte Plakate manchmal auch wirken, weder Fachöffentlichkeit noch die allgemeine Öffentlichkeit goutieren sie wirklich.
In unserem Informationszeitalter, angesichts von Handy. Laptop, Internet und Powerpoint gilt es auch und vor allem im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit über ausreichend Mittel und Methoden verfügen zu können um die Zielgruppen auf unterschiedlichen, zeitgemäßen Wegen in angemessener Form (und eben meist nicht handgemalt) informieren und mit ihnen in Dialog treten zu können. Und dies bedeutet auch, dass Prävention neue Wege gehen muss um alle Zielgruppen zu erreichen.
Prävention in der Öffentlichkeitsarbeit muss sich daher aus unserer Sicht an Erwachsene richten ohne Mädchen und Jungen aus dem Auge zu verlieren, dabei zielgruppenspezifisch (auch im Sinne von Diversity) ausgericht, plakativ und trotzdem thematisch fundiert sein, eigene Haltungen vertreten, Grenzen zum Schutz von Mädchen und Jungen setzen, mit anderen vernetzt zusammenarbeiten und kooperieren und dabei immer im Trend bleiben.
Eine Herausforderung, die Spaß machen kann!
Christine Rudolf-Jilg
Literaturhinweise:
Djafarzadeh, Parfaneh (2007). Abulimaus. München: AMYNA
Dr. Kindler, Heinz (2003). Evaluation der Wirksamkeit präventiver Arbeit gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen. Expertise. München: AMYNA
Evangelisches Bildungswerk München (2003). Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Neu-Ulm: AG SPAK Bücher
Püttner Christiane (1999). Märtyrerin trifft Kinderschänder. Wie berichtet die Presse über sexuelle Gewalt gegen Mädchen. München: AMYNA
Wikipedia: Öffentlichkeitsarbeit. http://de.wikipedia.org/wiki/Öffentlichkeitsarbeit, 29.11.2007
[1] So wertet AMYNA seit vielen Jahren systematisch Artikel zum Themenbereich „sexueller Missbrauch gegenüber Mädchen und Jungen" in den Zeitschriften „Süddeutsche Zeitung" sowie TAZ aus. Eine Analyse des oben genannten Zeitungsarchivs ist 1999 bei AYMYA erschienen (vgl. Christiane Püttner. Märtyrerin trifft Kinderschänder. München: AMYNA)
[2] Die Aktion „Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen" wird seit Beginn durch einen in Auftrag gegebenen Pressespiegel für Printmedien in Deutschland dokumentiert.
[3] Ausnahmen stellen z.B. das Bilderbuch „Abulimaus" sowie vereinzelt Angebote im Rahmen von öffentlichen Großveranstaltungen dar. Wir achten jedoch grundsätzlich darauf, dass
1. das Kind sich mit dem Thema sexueller Missbrauch nicht emotional identifiziert, d.h. keine von Missbrauch betroffenen Identifikationspersonen dargestellt werden
2. in der Fachdiskussion unstrittige Präventionsregeln für Kinder und die Stärkung von Selbstbestimmung, aber auch der Anspruch auf Schutz durch Erwachsene
im Vordergrund dieser Form von Öffentlichkeitsarbeit stehen. Zudem sorgen wir dafür, dass Kontakte zu Fachstellen der Intervention niedrigschwellig für betroffene Kinder zur Verfügung stehen bzw. vermitteln diese.
[4] Für vertiefte Informationen siehe auch. www.sicherewiesn.de
[5] Vgl. Dr. Kindler (2003) Evaluation der Wirksamkeit präventiver Arbeit. S. 39
[6] Der Security Point ist die Anlaufstelle der Aktion „Sichere Wiesn" für Mädchen und Frauen auf dem Oktoberfest. Weitere Informationen unter www.sicherewiesn.de.
Aktualisiert (Dienstag, den 10. Januar 2012 um 13:35 Uhr)

Das Institut zur Prävention von sexuellem Missbrauch wird von der Landeshauptstadt München bezuschusst.